Fred J. Heidemann, Ibiza-Gold

Leseprobe
Fred J. Heidemann
Ibiza-Gold
Kriminalroman
Reihe trèves krimi
© éditions trèves


1
Diesen Tag hatte er sich eigentlich ganz anders vorgestellt. Immerhin wollte er den ersten wirklichen Job antreten. Mit seinen 35 Jahren wurde es auch höchste Zeit. Das hatten ihm nicht nur seine Eltern in den letzten Jahren immer wieder zu verstehen gegeben, er selbst dachte seit Längerem ebenso. Sein erster richtiger Job! Zwar hatte er sich gleich nach dem Abitur an einem Bad Godesberger Gymnasium in Verlängerung des Wehrdienstes für weitere acht Jahre bei der Bundesmarine verpflichtet, doch das, was jetzt vor ihm lag, wäre etwas vollkommen Neues für ihn.
Im Anschluss an seine Militärzeit hatte er Kommunikationswissenschaften studiert und sich nach dem Examen bei mehreren Dutzend Zeitungen und Magazinen beworben. Neben vielen Absagen hatte er tatsächlich auch eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Der Bonner Kurier suchte gerade einen Nachfolger für einen aus Altersgründen ausgeschiedenen Redakteur. Nach dem Gespräch vor wenigen Wochen hatte man sich in der Chefredaktion sehr schnell für ihn entschieden.
Heute sollte er seinen Dienst antreten. Als er sich kurz vor neun Uhr zu Fuß dem hellen, modernen Verlagsgebäude näherte, verspürte er ein wenig Herzklopfen. In den Tagen zuvor hatte er sich immer wieder ausgemalt, wie man ihn, den hoffnungsvollen jungen Journalisten, an seinem ersten Arbeitstag beim Bonner Kurier empfangen würde und mit welch interessanten Themen er sich in den nächsten Wochen befassen dürfe. Im Nachhinein musste er noch am selben Abend zugeben, dass er vielleicht ein wenig zu naiv gewesen war, als er sich vorstellte, man würde ihm gewissermaßen einen roten Teppich ausrollen.
An der Pförtnerloge des Verlagshauses wusste man jedenfalls von nichts, als er sich dort erwartungsfroh meldete:
»Mein Name ist Frederick Helmbach. Ich soll hier heute anfangen und werde von Chefredakteur Dr. Berger erwartet.«
Der brummige Pförtner wählte umständlich eine interne Nummer und fragte nach. Als er offensichtlich eine positive Antwort bekommen hatte, nickte er ihm zu und meinte etwas freundlicher:
»Gut, dann gehen Sie mal hoch, Sie werden tatsächlich erwartet.
Die Zimmernummer ist 601, Sie können den Fahrstuhl dort drüben nehmen, 6. Stock und dann nach rechts.«
Frederick Helmbach dankte kurz und fuhr mit dem Aufzug nach oben. In der offenen Tür zu dem Büro mit der Nummer 601 stand eine schlanke Frau, vermutlich Anfang vierzig, die mit ihrem gut sitzenden hellgrauen Kostüm, den hochgesteckten mittelblonden Haaren und ihrem dezenten Make-up einen sehr gepflegten Anblick bot und jedem Besucher sofort den Eindruck vermittelte, dass sie die Chefsekretärin sein musste. Mit einem freundlichen Lächeln ging sie ein paar Schritte auf ihn zu, reichte ihm zur Begrüßung die Hand und sagte mit sympathisch klingendem rheinischem Tonfall:
»Guten Morgen. Sie sind also Herr Helmbach, der unser Blatt von jetzt an mit seinen Artikeln bereichern möchte. Na, dann herzlich willkommen! Mein Name ist Winscheid. Zu mir müssen Sie immer zuerst, wenn Sie etwas vom Chef wollen.«
Mit einer einladenden Handbewegung geleitete sie ihn in ihr Büro und bedeutete ihm, in einer bequemen Ledersitzgruppe am Fenster Platz zu nehmen.
»Leider ist Dr. Berger noch nicht im Haus. Irgendetwas Aktuelles ist ihm dazwischengekommen. So ist das eben bei einer Tageszeitung, da muss man immer flexibel sein. Spätestens zur Redaktionskonferenz um zehn Uhr wird er aber hier sein. Darf ich Ihnen inzwischen einen Kaffee oder Tee bringen, oder vielleicht ein Glas Wasser?«
Er entschied sich für das Wasser und begann, in einigen Zeitungen und Zeitschriften zu blättern, die auf dem Tisch lagen. Das fängt ja gut an, dachte er und wartete.
Nachdem er mit gemischten Gefühlen fast eine Stunde im Vorzimmer verbracht hatte, ging drei Minuten vor zehn plötzlich die Tür auf und Dr. Berger stürzte herein.
»Ach, du meine Güte!«, rief er aus. »Sie habe ich ja völlig vergessen. Das tut mir leid, aber nach dem Bombenalarm heute Morgen bei den UNO-Dienststellen musste ich einfach vor Ort sein und mir ein Bild machen. So etwas passiert schließlich nicht alle Tage. Nach dem Wegzug der meisten bundespolitischen Institutionen ist man in Bonn als Journalist für jede etwas sensationellere Schlagzeile dankbar. Dafür werden Sie sicherlich Verständnis haben.«
Frederick Helmbach hatte seinen leichten Ärger über die Warterei heruntergeschluckt und machte nun ein, wie er hoffte, interessiertes Gesicht. Schließlich wollte er beim Bonner Kurier als Journalist noch etwas werden und durfte es sich nicht gleich mit Dr. Berger verderben. Die beiden Männer, mit jeweils ca. 1,85 m gleich groß, schüttelten sich kurz die Hände, dann zog der Chefredakteur seinen neuen Mitarbeiter durch die Doppeltür in sein eigenes Büro, das um einiges größer und gediegener eingerichtet war als das Vorzimmer.
In der Raummitte befand sich ein großer und mit grünem Leder bezogener englischer Schreibtisch, auf dem sich Bücher und Manuskripte, Zeitungen und einige Akten- und Korrespondenzmappen häuften. Alte Ölgemälde und Kupferstiche schmückten zwei der Wände, während die vierte Seite des Raumes von einer sehr breiten Fensterfront eingenommen wurde. Der Panoramablick auf den Rhein und das gegenüberliegende Ufer war phantastisch. Vor dem Fenster standen einige cognacfarbene Chesterfield-Sessel und eine Ledercouch an einem runden Mahagonitisch, die zweifellos auch aus England stammten.
Zum Verweilen und Bestaunen blieb Frederick Helmbach keine Zeit. Chefredakteur Dr. Berger raffte in aller Eile einige Unterlagen von seinem Schreibtisch zusammen, schaute erst auf seine Armbanduhr, überprüfte etwas in seinem Terminkalender und erklärte mit einem Achselzucken:
»Das werden Sie sich vermutlich ein wenig anders gedacht haben, mein Lieber, aber für Begrüßungsformalitäten oder Kaffeekränzchen haben wir keine Zeit. Jetzt heißt es für Sie, ins kalte Wasser zu springen und sofort mitzumachen. Die tägliche Redaktionskonferenz ist immer um zehn, und da warten vermutlich bereits alle Kolleginnen und Kollegen gespannt auf den Neuen. Also kommen Sie mit, ich stelle Sie dort vor, und alles Weitere ergibt sich dann von selbst.«
Ehe Frederick den Mund aufmachen und irgendetwas sagen konnte, war der Chef ins Vorzimmer gestürmt, öffnete die Tür zum Gang und eilte hinaus. Dem neuen Redaktionsmitglied blieb nichts anderes übrig, als hinterherzulaufen.
...


4

Paris, Sommer 1914

Es war einer der üblichen heißen Sommertage in der französischen Hauptstadt, es war Freitag, der 31. Juli 1914. Die Luft stand den ganzen Tag über in den aufgeheizten Straßen, und die Menschen bewegten sich nur langsam voran, um nicht zu sehr ins Schwitzen zu geraten. Wer konnte, hatte sich beizeiten ein schattiges Eckchen gesucht, und die vielen Straßencafés auf den Boulevards und Plätzen waren voller als sonst. Überall wurde heftig diskutiert und gestritten, die augenblickliche Weltlage gab allen Anlass zur Besorgnis. Erst einen guten Monat war es her, dass in Sarajewo die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin abgegeben worden waren. Ein serbischer Nationalist hatte am 28. Juni des Jahres aus nächster Nähe auf das Thronfolgerpaar in seinem offenen Wagen geschossen. Seitdem hatte sich das außenpolitische Klima in ganz Europa drastisch verschlechtert. Nahezu überall bekamen die nationalistischen Scharfmacher Oberwasser.
Österreich-Ungarn wollte und konnte die Bluttat nicht ungesühnt lassen, und so drängten in Wien einflussreiche politische Kräfte auf einen baldigen Schlag gegen Serbien. Vorher musste man sich jedoch insbesondere im Hinblick auf Russland der Rückendeckung und Unterstützung des befreundeten Deutschen Kaiserreiches versichern. Diese Zusage wurde in Berlin schließlich gegeben, weil man dort irrigerweise davon ausging, Russland würde seinem serbischen Verbündeten nicht zu Hilfe eilen, und auch Frankreich und Großbritannien würden wegen Serbien keinen Krieg mit Deutschland und Österreich-Ungarn riskieren. Die Lage eskalierte, als Österreich-Ungarn am 23. Juli 1914 Serbien ein hartes Ultimatum stellte, das man in Belgrad nicht anzunehmen bereit war. Nur zwei Tage später befahl die serbische Regierung die Mobilmachung, worauf man dies in Wien unverzüglich auch tat. Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien offiziell den Krieg, und nun überschlugen sich die wechselseitigen Aktivitäten: Am 30. Juli erklärte Russland seine Kriegsbereitschaft, und einen Tag später erfolgte in Wien die Generalmobilmachung.
Das war der Gesprächsstoff, um den es an diesem Sommerabend in allen Diskussionsrunden ging. Dabei wussten nur wenige Eingeweihte in der französischen Hauptstadt, dass bereits am nächsten Tag gegen 16.00 Uhr Frankreich aus Solidarität mit Russland ebenfalls die allgemeine Mobilmachung erklären würde, worauf nur zwei Stunden später Deutschland nachziehen würde, ergänzt durch eine Kriegserklärung an Russland. Am 3. August 1914 erfolgte die deutsche Kriegserklärung an Frankreich, einen Tag später die von Großbritannien an das Deutsche Reich. Damit hatte der Erste Weltkrieg begonnen.
In den hektischen Tagen davor hatte es vielerorts Bemühungen gegeben, den tatsächlichen Kriegsausbruch zu verhindern. In Paris war es die Gruppe um den französischen Sozialisten, Journalisten und Friedenspolitiker Professor Jean Jaurès, die leidenschaftlich ihre humanistisch-pazifistischen Thesen vertrat und bei Friedensdemonstrationen auf den Pariser Straßen sowie im Parlament von sich reden machte. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich Professor Jaurès sowohl als sozialistischer Politiker als auch als Gründer der Zeitung L’Humanité einen Namen gemacht. Als sich die Lage in Europa dramatisch zuspitzte, richteten sich seine gesamten Energien auf den Versuch, den drohenden Weltkrieg zu verhindern. Immer wieder appellierte Jaurès auf politischen Veranstaltungen, auf internationalen Kongressen, im französischen Parlament und in Zeitungsartikeln an die Verantwortlichen und die Weltöffentlichkeit, alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Frieden in Europa zu retten. Ausdrücklich warb er für eine deutsch-französische Aussöhnung und Verständigung, was ihm den erklärten Hass der Rechten in Frankreich eintrug.
Am 25. Juli 1914 sprach Jaurès in der Nähe von Lyon auf einer großen Kundgebung zu Arbeitern und fuhr anschließend nach Brüssel, wo die Sozialistische Internationale tagte. Dort traf er sich auch mit deutschen Sozialdemokraten, um Wege aus der Krise zu suchen. Wenige Tage später, an jenem 31. Juli 1914, war Jean Jaurès am Abend nochmals in der Pariser Redaktion seiner Zeitung, der L’Humanité, erschienen, um an einem Artikel mit einem weiteren flammenden Aufruf zum Frieden zu arbeiten. Er wollte nichts unversucht lassen, um vielleicht doch noch eine Wende herbeizuführen. Ein paar Freunde waren bei ihm, um ihn zu unterstützen und die überzeugendsten Formulierungen zu finden. Sie arbeiteten fieberhaft, bis sie gegen 21.00 Uhr spontan beschlossen, in der Nähe etwas essen zu gehen.
Die Redaktionsbüros der L’Humanité lagen in der Rue Montmartre No. 142 im ersten Stock, und bis zu dem bekannten Stammlokal vieler Pariser Journalisten und Politiker, dem Café du Croissant, waren es nur ein paar Schritte. Jean Jaurès und seine Freunde betraten das Lokal etwa zehn Minuten später und setzten sich in eine Nische, die zur Straße ein offenes Fenster hatte, schließlich war es an diesem Sommerabend recht warm.
Wenige Minuten danach, das Polizeiprotokoll verzeichnete später als Tatzeit 21.15 Uhr, bewegte sich plötzlich der vor dem Fenster hängende durchscheinende Vorhang, dem Jaurès den Rücken zugewandt hatte, und eine Hand mit einem Revolver wurde sichtbar. Einer der Freunde von Jaurès, der dies als Erster bemerkte, schrie laut auf, Jaurès und die anderen fuhren herum. Im gleichen Augenblick krachten aus nächster Nähe zwei Schüsse, die Jaurès in den Kopf trafen.
Blutüberströmt und tödlich getroffen brach der Friedenspolitiker am Tisch zusammen. Trotz des folgenden Tumultes gelang es beherzten Restaurantgästen und einigen Passanten, die das Attentat mitbekommen hatten, den Täter an Ort und Stelle zu überwältigen. Die Polizei und ein Arzt waren schnell im Café du Croissant, jedoch konnte der Arzt nur noch den Tod von Jean Jaurès feststellen. Die Polizei notierte am Tatort die Personalien des Täters: Es handelte sich um den bis dahin unbekannten, knapp 29jährigen Raoul Marie Alexandre Villain aus Reims. Er wurde verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis gebracht.
Obwohl der Erste Weltkrieg kurz bevorstand, war das Entsetzen über dieses Attentat in ganz Europa groß. Der Vorwärts, das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie, titelte dazu am Sonntag, den 2. August 1914: »Ein Edelopfer des internationalen Blutrausches – Jean Jaurès von einem nationalistischen Mordbuben getötet.«
Die Ansicht, dass der Attentäter Raoul Villain ein von rechtsradikalen Hintermännern aufgehetzter französischer Nationalist gewesen sei, verbreitete sich schnell und wurde schließlich fast überall geglaubt. Dazu trug auch sein bisheriger Lebenslauf bei, über den in jenen Tagen etliche Details an die Öffentlichkeit gelangten.
Am 19. September 1885 in Reims als Sohn eines dortigen Gerichtsschreibers geboren, wuchs Raoul Villain in einfachen Verhältnissen und ohne Mutter auf. Diese wurde kurz nach seiner Geburt in die Irrenanstalt von Chalons-sur-Marne eingeliefert. Nach dem Besuch einer Klosterschule ging er auf die Landwirtschaftsschule in Rennes und bestand dort mit großer Mühe die Abschlussprüfung. Während seiner anschließenden Militärzeit wurde Villain wegen seiner schwächlichen Konstitution und seiner glühenden Verehrung von Jeanne d’Arc oft gehänselt. Da er in seinem erlernten Landwirtschaftsberuf nicht unterkam, beschloss er, Literaturwissenschaft und Archäologie zu studieren, gelangte aber in beiden Fächern nie in die Nähe einer Zwischenprüfung, geschweige denn eines Abschlusses. Seit etwa 1908 trieb er sich in Paris herum, hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, weil er von seinem Vater nicht mehr unterstützt wurde, und fristete ein eher kärgliches Dasein. In welche obskuren politischen oder kriminellen Kreise der oft als kontaktscheu geschilderte Villain damals geraten war, konnte auch im späteren Prozess nicht geklärt werden.
Dass es Personen gegeben haben muss, mit denen Villain vor seiner Tat mehr oder weniger regelmäßig zusammentraf, wurde hingegen als sicher angenommen, zumal er in jenen Jahren auch einige Reisen in Begleitung von Bekannten nach England, Griechenland und Spanien unternommen haben soll – Reisen, die er aus eigener Tasche nicht hätte finanzieren können. Die nationalistischen Verbindungen, von denen im Zusammenhang mit dem Attentat auf Jean Jaurès die Rede war, konnten nie einer namentlich bekannten Gruppierung zugeordnet werden. Gelegentlich wurde die Vermutung geäußert, dass Villain vielleicht doch nur ein verrückter Einzeltäter ohne politische Hintermänner gewesen sein könnte. Er selbst, der noch am Abend des 31. Juli 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, in ein Pariser Untersuchungsgefängnis gebracht worden war, in dem er ohne Prozess mehr als viereinhalb Jahre lang bis nach dem Ende des Krieges bleiben sollte, hat nie einen Namen genannt.

 

16

Am nächsten Tag wachte Rick gegen neun Uhr auf. Er fühlte sich – im wahrsten Sinne des Wortes – ziemlich zerschlagen. Beim Blick in den Spiegel erschrak er erneut vor sich selbst. Mit all den Blessuren und Pflastern sah er grauenhaft aus. Gegen zwölf Uhr wollte Sofia ihn abholen, und bis dahin musste er sich überlegt haben, wie er ihr sein Aussehen erklären sollte.
...
Daraus schloss er, dass sich Charlys Suche nach dem Gold auf diese Buchten und das entsprechende Hinterland konzentriert hatte. Ohne weitere Anhaltspunkte war bei einem so großen und unwegsamen Gebiet die Suche mit einem Metalldetektor ein wenig sinnvolles Unterfangen. Eher konnte sich Rick vorstellen, nach auffälligen Felsformationen oder Höhleneingängen zu suchen. Eine weitere Möglichkeit wäre die Erkundung von der Meeresseite her. Er wusste inzwischen, dass es auf Ibiza viele Höhlen gab, die nur vom Wasser her zu erreichen waren. In früheren Zeiten dienten sie oft Korsaren oder Schmugglern als Unterschlupf. So machte das Anmieten eines Bootes durch Charly Sinn. Dass ihm das letztlich zum Verhängnis wurde, stand auf einem anderen Blatt.
Das einzig Auffallende an Charlys Karte waren die am Rand mit Bleistift notierten Zahlen 396133. Eine Telefonnummer vielleicht? Die gleichen Zahlen fand er auf einem kleinen Zettel, der zwischen Charlys Manuskriptseiten gelegen hatte. Rick wählte sie auf dem Zimmertelefon in Kombination mit einigen Vorwahlen, bekam aber nirgends einen Anschluss. Ohne die richtige Vorwahl war dies keine neue Spur. Vielleicht handelte es sich um eine Schließfachnummer, eine Konto- oder Codenummer? Aber mangels weiterer Hinweise war auch dieser Gedanke nur ein verzweifeltes Stochern im Nebel.
Langsam ging es auf zwölf Uhr zu. Was sollte er Sofia sagen, was verschweigen? Dass er mit Conny in Charlys Unterkunft gewesen war, wollte er für sich behalten. Und natürlich die Sache mit der Dusche. Aber ansonsten wollte er ihr reinen Wein einschenken und alles erzählen, was er über Charly und Raoul Villain wusste.
Das Zimmertelefon klingelte, und der Hotelportier teilte ihm mit, dass eine Beamtin der Guardia Civil auf ihn warte. Der Mann fragte mit besorgter Stimme, ob Rick herunterkommen wolle oder ob er die Beamtin heraufschicken solle. Offensichtlich hatte Sofia ihm ihren Dienstausweis gezeigt. Rick wählte die zweite Alternative und beruhigte den Portier, dass alles in Ordnung sei. Wenige Minuten später stand Sofia bei ihm im Zimmer.
»Wie siehst du denn aus, Rick? Hast du einen Unfall gehabt?«
»So was in der Art, aber das ist eine lange Geschichte.« Rick war überhaupt nicht wohl in seiner Haut.
»Lass mich mal sehen.« Fürsorglich nahm Sofia die einzelnen Blessuren etwas genauer in Augenschein.
»Es sieht schlimmer aus, als es ist. Du hast Glück gehabt, es scheint nichts gebrochen zu sein. Tut das weh?« Sie drückte an mehreren Stellen auf seinen linken Arm und die Schulter, genau da, wo er gestern die meisten Schläge kassiert hatte. Rick stöhnte auf.
»Da sind etliche Prellungen, die bestimmt recht schmerzhaft sind. Aber bei einem sportlichen Kerl wie dir sollten die bald abheilen. Auch die verschiedenen Schrammen und anderen Wunden, denn der Schorf ist trocken. Du scheinst gutes Heilfleisch zu haben. Nun erzähle mal, wie und wo du so unter die Räder gekommen bist?«
Rick druckste ein wenig herum, begann dann aber zu erzählen. Zunächst wiederholte er, was er bereits vorgestern am Telefon gesagt hatte, nämlich dass Claus Behrens und er beim ersten Gespräch mit Capitán Lopez und ihr ihnen nicht alle Hintergründe mitgeteilt hatten und entschuldigte sich dafür. Sofia nahm dies mit Stirnrunzeln und einem reservierten Nicken zur Kenntnis.
...

 

Fred J. Heidemann | Ibiza-Gold | Kriminalroman | Reihe trèves krimi | © éditions trèves

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